Heute ein „Intellektueller“ genannt zu werden, ist ein Dilemma.

MXXW2373Sich und andere als geistig reife Menschen zu betrachten, ist eine der Verkürzungen der modernen Zeitgeschichte. Die derzeitige Informationsflut kann dafür kein besonderer Indikator sein, um sich durch Nachrichten, Fotos und Geschichten als wissender und gebildeter Mensch bezeichnen zu können. Informationen müssen verarbeitet, differenziert und durchdacht wiedergegeben werden. Die Einstellung jedweder Berichte zu relevanten Themen basier auf Quellen, wie zum Beispiel „Hören und Sagen“, hat schon lange ausgedient.

Dieser Artikel beabsichtigt keine ideengeschichtliche, feste und eindeutige Erklärung des Begriffes Intellektueller vorzunehmen. Ferner wird der Versuch angestrebt, Bezug auf die Ereignisse, Deutungen und Muster zu nehmen, wonach der Begriff auszumachen sein könnte.

Intellektueller war …

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Begriff des Intellektuellen sich in der Zeit der Aufklärung und danach bildete. Wir werfen einen Blick auf das Nachbarland Frankreich. Natürlich kann man dort zwei Komponenten in der Aufklärungsperiode voneinander unterscheiden.

Zum einen, gab es eine friedliche, demokratische und bürgerliche Zeit nach innen, und eine koloniale, ausbeuterische und unterjochende Gangart nach außen.

Wenn also in der Affäre des Alfred Dreyfus – der wegen Hochverrat angeklagt war – im späten 19. Jahrhundert in seiner Fürsprache viele Kunstschaffende, Literaten, Wissenschaftler und Journalisten sich zusammenschließen, um ihn von den staatlichen Behörden in Schutz zu nehmen, kann man von einer öffentlichen Person und Aufmachung des Falles sprechen.

Schließlich hat die gesamte französische Nation etwas davon mitbekommen. Der Fall ging in die Geschichte ein.

In der damaligen Zeit – des Frankreichs des 19. Jahrhunderts – gab es einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, zeitnah fanden viele Kolonialkriege statt, die Osmanen bauten stetig an Macht und Glanz ab, der Iran verlor territorial seine ältesten Gebiete in jeder erdenklichen Himmelsrichtung, Indien war in der Belagerung seines englischen Kolonialheeren, China ging wie immer seinen eigenen Weg und man lag in der Vorbereitungszeit des verheerenden Ersten Weltkrieges.

Es folgte der Zweite Weltkrieg auf europäischem Boden. Danach wollte und sollte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte den Menschen vor künftigen Aggressionen, Rassismus und Ausbeutung in Schutz nehmen.

Im Gravitationszentrum der modernen Welt, die die Nationalstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Menschenrechte, Individualität nach innen erlebte, aber ebenso koloniale Politik und antikolonialen Widerstand nach außen verursachte, konnten viele Intellektuelle nicht taten- und regungslos bleiben.

Das Jahr 1968 …

Viele Umwälzungen, Umbrüche und Missstände sind für Beobachter Themen, die sie nicht umgehen können. Man denkt darüber nach, fasst zum Stift und lässt sich gerne mitteilen. In den Jahren der 1968er hatte die moderne Welt sich, diejenige also aus der unsere heutige westliche Welt aus vielerlei Hinsicht fortbesteht, neu gedacht bzw. reformiert.

In der weltweiten Intellektuellenszene, ob es Michel Foucault, Emmanuel Levinas, Bertrand Russel und viele andere, waren es stets Menschen, die federführend die Gesellschaft mit ihrer Arbeit bereicherten, aufklärten und beeinflussten.

Ihr Mut in ihren öffentlichen Auftritten und in ihren Werken hatte eine humane Welt beabsichtigt. Natürlich haben die Naturwissenschaften ihren Beitrag geleistet, die nicht minder unwichtig ist.

Die Zeit der 1968er Jahre war gewiss eine Wende. Sie hat verursacht, dass zumindest in den Ländern, die sich in der westlichen Hemisphäre befinden, konservative Wert- und Weltvorstellungen anders gedacht werden könnten.

Ebenso wurde die Natur, die unsere Vorfahren durch Kriege, Atombomben, Vertreibungen und Genozide missbilligten, wieder ins politische Spiel gebracht. Am Horizont dieser Bewegung standen Werte des Friedens, des Miteinanders und der Aufrichtigkeit.

Auch wenn verheerende Ereignisse, wie der Vietnamkrieg, in derselben Zeit der 1968er stattfanden, so hat man gesehen, dass die Vorläufer der heutigen multikulturellen Gesellschaften in Europa und in USA sich zu dem Konflikt äußerten. Eine Stellungnahme, die vonnöten war.

In vielen Biografien von bedeutenden Schriftstellern, Filmemachern und Staatsbediensteten, die Zeitzeugen der späten 1960er Jahre waren, liest man aus welcher Nähe sie passiv und aktiv diese Periode miterlebten. Auch sie konnten Zusammenhänge erstellen und ihren Nachfahren, also unsere gegenwärtige Zeit und weitere spätere Generationen durch ihr geschriebenes Wort bereichern.

Zu den Sensationen der 1960er gehört auch die Abhaltung der ersten Weltmenschenrechtskonferenz, die nirgendwo anders als in Teheran stattfand. Die Konferenz beabsichtigte die Förderphase der Menschenrechte hin zum Schutz dessen einzuleiten, was quasi die Grundlage und den Sinn von einem Anfangsstadium von Menschenrechten besaß.

Dabei behaupten nicht wenige Kenner des Schahregimes, dass der Schah durch den US-amerikanischen Druck eine solche historische Tatsache in seinem Land veranstaltete, um sich als Menschenrechtler und Förderer von Menschenrechten darzustellen.

Die Aufwertung …

Der Erkenntnisgewinn ist heutzutage ein fester Bestandteil der deutschen Sprache und Denkens. Es ist mitunter die offen stehende Frage wann und wie eine Aussage, die gut überlegt sein sollte, zum besseren Verständnis eines Sachgegenstandes führt oder nicht? Kann eine Aussage zur Wahrheit führen? Ist es Absicht wahrhaftig durch Erkenntnis zu sein?

Im alten Griechenland, Großpersien, China, Indien und Afrika kann man sich stets durch die Literatur, Mystik und Sprachwendungen und -windungen davon überzeugen, dass stets eine gewisse Selbstkritik geboten war.

Durch diese Grundlage und Ausgangsbasis kann man sich ausmalen, dass die Sprachen des Ostens aus unserem westeuropäischen Standpunkt betrachtet, eine gewisse Weisheit mit sich tragen.

Die persische Sprache besitzt in dieser Hinsicht viele Dichter, die durch Reime und Versmaß ihre soziale, politische und religiöse Lebenswelt beschrieben, analysierten und schließlich kritisierten. Wer eine Sprache besitzt, so ein persische Weisheit, dem gehöre die Welt, und wer spricht, ist in der Welt.

Dem Trugschluss zu folgen und die persische Sprache geographisch einzugrenzen, es zu politisieren und es aus seiner gesunden Entwicklung herauszuholen, kann auch leider das Werk und die Arbeit von einem ideologisierten Intellektuellen sein.

Natürlich spielen äußere, soziale, familiäre und wirtschaftliche Hintergründe eine wichtige Rolle. Zu unterscheiden ist zwischen einer, sagen wir mal, Wissensgesellschaft und einer auf Mythen basierendem Kollektiv.

In einer Gesellschaft, die ihre Subjekte ernst nimmt, ihnen eine faire Ausbildung anbietet, sie durch Bildung würdigt und ihnen verspricht ein wichtiger Teil des Staates zu sein, wird man weniger Worte, Begriffe und Paraphrasen wie Stolz, Ehre, tribale, patriarchale und ethnische Herkunftsbezüge erleben können.

Bindung an …

Ein aufgeklärter und schreibender Mensch, den man liest und genießt, scheint für einen Leser zumindest den Wert zu besitzen als jemand bezeichnet zu werden, der oder die den Zusatz eines Intellektuellen verdient.

Jemand, der andere das Verstehen und Erklären, das Lesen und Schreiben, das Zuhören und das Betrachten, das Denken und das Überlegen näher bringt und sich kundtut. Diese Bindung zum Text kann nur jemand vollrichten, der oder die sich mit Büchern, Artikeln, Zeitschriften, Journals, audiovisuellen Medien und Tageszeitungen täglich auseinandersetzt.

Diese Verbundenheit zeugt nicht nur von Einsatz, hiermit Intellekt, sondern auch von einem tiefen Liebeshunger nach dem Besonderen. Das Besondere kann man wahrscheinlich überall begegnen. Das historische, anthropologische, literarische und visuelle Besondere kann man nur durch sich Hinsetzen, Nachdenken und Reproduktion entdecken.

Die Sprache, die das Denken des Menschen prägt und natürlich umgekehrt, ist meistens einer der handfesten Anhaltspunkte, ob ein Gesprächspartner ein Thema, worüber er oder sie sich verbal auslassen auch beherrscht, so fragend sich verhält, oder eher nicht.

Ein fragender Mensch und ein sich selbst Fragen stellender Mitmensch werden in vielen Fällen niemals gesättigt sein. Das Saatgut wird stets durch neues Wissensmaterial befüllt werden müssen. Die Saat zeigt im Denken, im sprachlichen Ausdruck und im Handeln inwieweit es Qualität besitzt.

Intellektuell sei …

In unserer schnelllebigen Zeit, engem Wohn-, Freizeit- und Arbeitsraum, dem unverschuldeten täglichen Alleinsein und unserer nicht bioechten Ernährung kann man sich wenig bis selten einen guten Film, Buch und Zwiegespräch widmen.

Sobald dann jemand die Muße verspürt sich tiefgründig mit sich selbst zu beschäftigen, entfernt dieser jemand sich aus einer sozialen Gemeinschaft. Ja, das gehört sicherlich zum Repertoire eines Intellektuellenverhaltens.

Manch intellektueller Mensch zog sich aus persönlichen Gründen im Wald zurück und bereichert uns zwei Jahrhunderte später mit einem ausgeklügelten ewigen Frieden.

Intellektuell ist man nicht einfach so. Intellektuell kann niemand sein, der ein Fach studiert, einen Text liest, eine Persönlichkeit kennt und einmal diskutierte. Erst im regen Austausch, im inter- und transdisziplinären Fach, in multiplen Gesprächen, in verschiedenen Sprachen kann wahrscheinlich die Saat ihre bioechten Früchte tragen.

Dieser Beitrag sollte das Dilemma „Intellektueller“ genannt zu werden, in wenigen Punkten streifen. Ein wenig hinter dem Schleier des Unwissens das vermeintliche Wissen im Vordergrund stellen. Es sollte keine fertige Definition für den Begriff anbieten, sondern lediglich auf bestimmte Aspekte, Konturen, Schattierungen und Hintergründe dessen hinweisen.

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Zukunft denken

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Zukunftsvisionen teilen sich zumeist in eindeutig utopische oder dystopische Szenarien auf. Sie spiegeln dabei tiefsitzende Ängste oder Träume von einer besseren Welt.

Wir sind Problemlösemaschinen, wenn man so will, die im Gegensatz zu ihren tierischen Verwandten eine enorme kognitive Energie darauf verwenden an zukünftige Ereignisse und deren Bewältigung zu denken. Erst wenn wir Muße und Zeit haben, widmen wir uns der Erinnerung an das Getane, an das Gestern oder an den Urlaub vom letzten Jahr.

Wir sind nicht gut darin, im Hier-und-Jetzt zu sein

Weil wir zumeist also entweder über das gerade oder auch weit Vergangene nachdenken oder über das, was als nächstes geschieht, geschehen könnte oder geschehen soll, sind wir aus reiner Gewohnheit nicht gut darin, nur im Hier-und-Jetzt zu sein.

Um diese Leistung vollbringen zu können, muss unser Gehirn eine ganze Reihe von voneinander abhängigen und aufeinander aufbauenden kognitiven Funktionen miteinander verschalten und es bedarf hierzu der Aktivität gleich mehrerer Gebiete und Strukturen des Großhirns und auch der innen liegenden Hirnstrukturen.

Eine ganz wesentliche Rolle übernimmt der präfrontale Cortex, der Teil unserer Großhirnrinde, der sich ganz vorne direkt hinter unserer Stirn befindet. Hier laufen die vielen informationstragenden Kanäle zusammen, also Sinnesempfindungen aber auch Erinnerungen, und werden auf ihre Relevanz für unsere aktuellen Handlungspläne geprüft.

Was uns gerade nicht hilft, wird beiseite geschoben, und sollte ein wichtiges Stück Information fehlen, wird von hier aus initiiert, dass danach gesucht wird. Die ständige Repräsentation des gewünschten Zielzustandes aber auch der eigenen Person und der uns zu Verfügung stehenden Ressourcen sind dabei ebenso wichtige kognitive Teilleistungen wie die Zerlegung von komplexen Vorgängen in einzelne Handlungsschritte.

All diese Fähigkeiten können wir in Teilen des präfrontalen Cortex lokalisieren. Doch wir sind noch zu weit komplexeren Dingen in der Lage als schnöde Alltagsprobleme zu bewältigen. Denken wir an unser kreatives Potential, Fiktionen zu erzeugen und Geschichten zu erzählen. Hierzu bedarf es der Vorstellung des bloß Möglichen, das Fortspinnen des Bekannten in bis dato nicht erlebte Ereignisse und Handlungsstränge, die Personen und Ereignisse evozieren, deren Ähnlichkeit mit der Realität zunehmend weniger werden kann.

Die Zukunft ist ein Möglichkeitsraum

Diese Kopf-Szenarien, mentale Simulationen, und die Verortung der eventuellen eigenen Rolle darin machen die Zukunft für uns Menschen zu einem Möglichkeitsraum, in dem wir uns selbst eine gestalterische Rolle zugestehen können.

Was unsere Disposition zur Zukunft betrifft ist gerade diese gestalterische Einflussnahme ein ganz entscheidender Faktor denn es handelt sich um einen wesentlichen Mechanismus zur Emotionsregulierung.

Das Gefühl, Herr der Lage sein zu können, Kontrolle zumindest partiell und potenziell dadurch zu erlangen, dass man das Zukünftige hat kommen sehen und im Kopf bereits durchgespielt hat, beugt dem Eindruck vor, von den Ereignissen überrollt zu werden. Vorbereitet sein hilft uns, dem Überraschungsmoment zuvor zu kommen und dadurch Ängste abzubauen.

Kontrolle, genauer, das Gefühl der Kontrolle, ist also wichtiger Bestandteil unseres Sicherheitsgefühls. Zukunftsangst entsteht immer dann, wenn ein Kontrollverlust droht oder die Lage zu komplex wird, um eindeutige Szenarien durchspielen zu können.

Darüber hinaus mussten wir auch in den letzten Jahren die Erfahrung machen, dass unsere Vorstellungen manchmal durch die Realität übertroffen werden, wie es z.B. die Katastrophe von Fukushima, die große Migrationswelle und der Brexit gezeigt haben, sodass unsere üblichen Praktiken der Prognostik einen gewissen Vertrauenseinbruch verbuchen mussten.

 

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